Unheimliche Banden

Schwarz-weiß Foto: drei kostümierte Kinder schauen den Betrachter an. Das linke mit Robotermaske, in der Mitte ein Mädchen und rechts ein Kind mit Prinzessin-Maske und einem kürbisförmigen Eimer. Im Hintergrund erkennt man eine Straße, Autos und Häuser.

Ich bekämpfe die Banden

Es ist neblig, feucht und kalt auf dem Hohen Westerwald. Am Nachmittag des letzten Tages im Oktober 2021 gab es noch ein paar letzte Sonnenstrahlen, aber jetzt ist es dunkel – vielleicht auch ein wenig unheimlich.

Es klingelt an der Haustür. Eine Bande unheimlich verkleideter Kinder steht vor der Tür. „Süßes oder Saures!“ Ach ja, es ist Halloween. Ich mag dieses Fest nicht. Früher habe ich es regelrecht bekämpft, aber ich bin ja tolerant, also gibt es für die unheimliche Bande etwas Süßes.

Wie oft habe ich gesagt: Heute ist Reformationstag! Halloween ist ein künstlich gemachtes, von Kommerz gesteuertes Ereignis, um die Kassen zu füllen. Warum kümmern wir uns als Christen und Christinnen, als Kirche nicht mehr darum, den Reformationstag fröhlicher zu feiern.

Was ist uns verloren gegangen, wenn wir die Ursprünge unserer evangelischen Kirche nicht mehr kennen. Upps, denke ich gerade, als ich diese Zeilen schreibe, ich war ja heute auch nicht im Gottesdienst zum Reformationsgedenken. Warum eigentlich nicht?

Ich bekämpfe die Angst

Wäre das nicht eine Chance? Geht es an Halloween nicht unter der Oberfläche von Geld und Kommerz vor allem um die Angst vor dem Tod? Kristian Fechtner beschreibt in seinem Buch „Im Rhythmus des Kirchenjahres“ die Angstlust, die in Halloween zu Tage tritt.

Ein seltsames Wort „Angstlust“. Die Lust daran, sich ängstigen zu lassen, spüren Menschen nicht nur an Halloween. Auch in Horrorfilmen, in gefährlichen Sportarten und vielen anderen Bereichen ist die Angstlust zu erleben.

Fechtner schreibt: „Angstlust ist eine Mischung aus Furcht und Wonne – eine Form sich zu entängstigen, indem ich mich ängstigen lasse, um mich zu guter Letzt in einer sicheren Ordnung wiederzufinden.“ (Fechtner 2007: S. 137)

Ist das nicht auch ein zentrales Anliegen der Reformation? Trieb nicht Luther vor allem die Angst vor einem strafenden, zornigen Gott um? Ist nicht seine grundlegende Erkenntnis: Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der sich uns Menschen zuwendet und uns freispricht. Wird dadurch nicht alle Angst überwunden? Gibt das nicht eine sichere Ordnung für die Welt und für das eigene Leben?

Ich werde Teil der Bande

Vielleicht sind diese Kinderbanden an Halloween gar nicht so weit von der Reformation entfernt. Möglicherweise sollte ich mich dieser fröhlich-schrecklichen Bande einfach anschließen.

Es gibt ja inzwischen Möglichkeiten, beides zu verbinden. Ich habe immer wieder mal Lutherbonbons an die Kinderbanden am 31. Oktober verschenkt. Damit hatte ich Süßes für die Kinder und konnte mein Gewissen trotzdem etwas beruhigen.

Lutherbonbons finde ich immer noch gut, auch wenn es eine etwas defensive Art des Umgangs mit dem Konflikt zwischen Halloween und Reformationstag ist. Es könnte sogar sein, dass darin eine versteckte leichte Aggression liegt. Nach dem Motto: Ich will euch ja euren Spaß nicht verderben, aber (!!!) eigentlich … Wie auch immer, man muss auch nicht immer alles bis ins Letzte analysieren.

Ich feiere das Leben

In unserer Gesellschaft wird Sterben und Tod weitgehend verdrängt. Sterben geschieht im Krankenhaus oder im Hospiz, nicht mehr in der Familie. Tod und auch die Toten werden an die professionell Tätigen, wie Bestatter, Pfarrerinnen und Trauerredner, abgegeben.

Wir wollen doch fröhlich leben! Da ist kein Platz für den Tod! Noch ein paar Fragen: Könnte es sein, dass gerade im bewussten Wahrnehmen des Todes, der Vergänglichkeit, das Leben viel wichtiger wird? Könnte eine warme und liebevolle Erinnerung an unsere Verstorbenen – mitten im Leben – das eigene Leben reicher machen? Würde ein Fest der Angstlust nicht auch die Lust am Leben feiern können?

Schließlich: Haben wir Christinnen und Christen nicht vielfältige Möglichkeiten, gegen die Angst und für das Leben einzustehen? Singen wir fröhliche Lieder voller Gottvertrauen, beten wir – allein und gemeinsam – gegen die Angst, feiern wir Gottesdienste als lustvolle Feste des Lebens – auch an Halloween … äh, ich meinte natürlich am Reformationstag. Was fällt uns noch alles ein, das Leben auch und gerade angesichts des Todes und der Angst zu feiern?

Ich glaube, wenn ich es recht überlege, freue ich mich jetzt auf die schreckliche Kinderbande, die sicher am unheimlichen, nebligen, kalten Abend des 31. Oktober im nächsten Jahr wieder in den Straßen des Hohen Westerwaldes unterwegs sein wird.

Uwe schreibt als Digital-Pfarrer und Reli-Blogger über moderne Spiritualität und alte Weisheiten der Religion auf https://uwe-hermann.net. Besonders das Kirchenjahr hat es ihm angetan, weil mit den Festen im Kirchenjahr alltägliche Spiritualität gelebt werden kann.

Ein Aufruf an die Kirche zum Reformationstag: https://uwe-hermann.net/reformationstag-2018

Mittlerweile feiern Kirchengemeinden auf einfallsreiche Weise Halloween mit dem Reformationstag. Lass dich inspirieren: https://www.feinschwarz.net/wir-muessen-halloween-taufen

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