Die philosophischen Betrachtungen eines Seitentrotters

Während eines Eishockey-Spiels: Zwei Spieler in voller Montur stehen dicht beieinander vor der Bande, sie halten ihre Schläger auf halber Höhe nach links bzw. rechts. Sie blicken weg vom Betrachter aufs Eis. Im Vordergrund sieht man eine Zuschauerin von hinten. Sie ist durch eine feste und eine transparente Bande vom Spielfeld getrennt.

Über die Bedeutung von Band/Bande

Band! Kennst du diese Band? Ein magisches Wort. Wenn man es richtig ausspricht: Bääänd! Damit verbunden das Wohlgefühl aller Aufgewachsenen seit der Rock‘n‘Roll-Revolution. Damit verbunden eine Menge in der christlichen Musikszene, in der Jesus-Freaks-Bewegung. Eine Gruppe Gleichgesinnter versammelt sich, um in ihrem Style Gott die Ehre zu geben.

Davon differenziert zu betrachten ist die Wortbedeutung Bande. Eine Bande ist eine Gruppe von Menschen. Sie definiert sich über selbstdefinierte Werte, Überzeugungen, Haltungen.

Ein Beispiel bitte? Das erweiterte Redaktionsteam der Korrekten Bande. Seit ein paar Monaten sind sie daran das digitale Nachfolgeprodukt des ehemaligen und gleichnamigen Printmagazins in die Gänge zu bringen. Die Sitzungen dazu finden in einem virtuellen Raum statt. Personifizierte Kacheln zieren den Desktop. Hintergründe von privaten Alkoven. Die Teilnehmer Meilen um Meilen voneinander entfernt. Sitzungs- und Besprechungskriterien, die nun im digitalen Raum endlich die Chance bekommen, auf einen neuen Level gehoben zu werden. Denkste. Es fehlt zwar die zwischenmenschliche Komponente. Dafür sprechen die visuellen und hörbaren Elemente eine um so deutlichere Sprache.

Eine Kachel bewegt sich kaum, spricht selten, hockt vor selbstgestrichenen Holztüren; die andere Kachel ist ein professionelles Büro: Mann, Brille, Kopfhörer, Arbeitsfläche; die nächste Kachel der Lese- und Denkraum eines philosophischen Menschen: Bogenlampe, Sessel, Bücherregal, Denkpose; eine weitere Kachel spricht über die immense und immanente Geisteskraft des Bewohners: smart, wortreich, aber auch denkmüde; dann noch jene Kachel, die den andern den Ablauf geigt: intellektuell, linker Führungsstil, technisch versiert!

Willkommen also bei der digitalen Bande. Übrigens ist es ja jetzt ein Ziel des neuen Angebots, mit den zukünftigen Leserinnen und Lesern eine Community zu sein.

Ohne Verbindlichkeit funktioniert das Leben nicht

Folgt schließlich noch der schwierigere und ungemütliche Teil der Wortbedeutung von Bande. Ihre Anfänge liegen tief verborgen in der jüdischen Geschichte. Das biblische Volk Gottes kann ein dramatisches Lied davon singen. Sie bekamen einst die Bande vom Höchsten persönlich. Überbracht durch Mose, dem Mörder. Die Regeln oder zehn Gebote, wie wir sie aus der Schrift kennen. Der liebe Gott hatte mit dem ständigen Hin und Her, dem Außerachtlassen seiner Gebote erheblich Mühe. Hatten seine Kinder ihr Leben wieder in irgendeinen unüberbrückbaren Sumpf gefahren, und besannen sie sich endlich wieder auf den Gott der Väter, schrien sie wieder zum Herrn. Es war wirklich ein Hin und Her. Mal folgten sie, mal widerstrebten sie. Und Menschen, die auf die Gebote des Herrn hinwiesen, man nannte sie Propheten, hatten einen schweren Stand.

Und so muss man aus heutiger Sicht sagen, es ist halt so ein Ding mit den Regeln. Wir haben zwar den Staat, leben aber doch so in etwa nach den eigenen Bestimmungen. Und Gott? Nein, der hat da sowieso nichts mehr zu husten. Er gehört dahin gepackt, wo die Erinnerungen vieler versorgt sind: in eine alte, verstaubte Kiste auf den Dachboden.

Dabei müssen wir doch auch einmal einfach diese Bedeutung des Wortes Bande ernstnehmen. Vieles im Leben hat eine Bande, und wenn sie nicht wäre, würde das Leben nicht funktionieren. Es gäbe zum Beispiel keine Infrastruktur. Denn: ist es nicht die absolute Basis von wissenschaftlicher Erkenntnis, dass sie ohne Bande nicht existieren kann? Und sei es nur eine Formel, geschrieben meinetwegen mit steinzeitlicher Kohle, die ohne die Begrenzung eines Steins keine Sichtbarkeit erlangen könnte. Oder ein Lied, eine Melodie. Ohne die Begrenzung durch eine Stimme würde das Klangbild nie irgendwelche Ohren erfreuen. Soweit zu den Grenzen und Banden, die das Leben ermöglichen.

Ein Band aus Werten

Eine Grenze, eine Bande oder Linie, sie kann auf metaphysischer Ebene auch aus Werten, Haltungen und eben Geboten bestehen. Und ohne zu tief in den Güllenschacht zu greifen; eine Anlehnung an eine Richtschnur, an ein Regelwerk, würde vielen Menschen gut tun.

Aus meinem Leben kann ich berichten, was mir persönlich geholfen hat. Oder umgekehrt gesprochen, was mich persönlich in die Pampa geschickt hat. Es war das Fehlen einer von der Gesellschaft als allgemeingültig erkannten moralischen Gesinnung. Ja, es gab da in meiner Jugend so einen Leitsatz. Er lautete: „Genieße es!“

Keine Ansage, was ich genießen sollte, und wie viel davon. Einfach genießen, totale Freiheit, keine Grenzen. Ich habe es genossen. Mit bereits zwanzig Jahren musste ich erkennen: Was hat denn das Leben noch zu bieten?

Was mich zu einem durch die sozialen Medien explodierten Bereich führt: zu den Bauernweisheiten, wie sie genannt wurden, als das Leben noch einfacher war. Heute versorgt in der Schublade mit der Bezeichnung Verschwörungstheorie. Anhaftend die Attribute unbewiesen, unbegründet, spekuliert, haltlos. Man kann von ihnen halten was man will, aber was sie sagen ist meist bildhaft gesprochen oder mit unsichtbarer Tinte geschrieben. Erst das Feuer einer emotionalen Auseinandersetzung mit dieser Theorie und die Zeit bringt die Wahrheit ans Licht.

War nicht Noah auch so einer. Hat er tatsächlich mehrere Jahrzehnte an seiner Arche gebaut? Die Antwort lautet: Ja, hat er! Und was müssen seine Zeitgenossen von ihm gehalten haben? Wie haben sie über ihn gedacht und geredet. Völlig jenseits der damaligen Norm hat er das getan, woran er glaubte. No compromise in einer durch Gottlosigkeit abgebrühten Umgebung. Der Gute hat gebaut, gebaut und … wieder gebaut. Bis das Ding endlich fertig war.

Wie muss das Fazit dieses kurzen Exkurses über die Bande lauten? Es lautet, es wäre gut, wenn alle darüber nachdenken würden, eine Bande im Leben zu akzeptieren, moralisch und praktisch. Um es zum Schluss mit einem Bild zu sagen.

Ein Hockeyspieler wird grob gecheckt und knallt in die Bande. Sie schützt die Anwesenden Betreuer und Zuschauer vor einem Unfall. Ohne Bande knallte der bestens vorbereitete Player in die nicht ausgerüstete Menge.

Das leitet mich zu der einzig vernünftigen Übertragung: Was passiert, wenn ein durch alle zivilgesellschaftlichen und moralischen Regeln Gefallener mit Wucht in eine friedliche Menge platzt? Er reißt viele mit sich. Einige werden sich erholen, andere stürzen ins Verderben. Geholfen hätte eine einfache, ja, eine Bande!

Christian Gauer lebt seit mehr als zehn Jahren mit seiner Familie und ein paar Wollschweinen in den Schweizer Voralpen. Als Autor und Journalist, der seine eigenen Projekte vorantreiben will, ist er auf Teilzeitjobs angewiesen. Aktuell ist er im Sommer bei der Gemeinde als Schwendiseewart und im Winter bei der Bergbahn angestellt. Für die Korrekte Bande schreibt er aus Überzeugung.

One thought on “Die philosophischen Betrachtungen eines Seitentrotters

  1. Danke, Christian, für deine gekachelte Darstellung der Redaktion!
    Ich überlege gerade, wie du mein Kächeli definieren würdest – und ob du mich vor wechselndem Hintergrund (kabellos machts möglich) dennoch gleich benennen würdest 🙂
    Lassen wir es doch mal auf einen Versuch ankommen!
    Den restlichen Text les ich dann jetzt.

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