Zu direkt für die Diplomatie

Die Molekül Männer (2 riesige Stahlfiguren, die eine mit Löchern, die andere mit lochartigen Abdrücken) bei Sonnenuntergang.

Als Jugendliche hatte ich irgendwann kurz vor dem Abi mein Berufsziel entdeckt: Ich wollte in den diplomatischen Dienst! Also habe ich nach dem Abi Volkswirtschaftslehre studiert, doch der Mensch denkt und Gott lenkt. Nach meinem Vordiplom habe ich zur Theologie gewechselt. Das ist aber eine Geschichte, die zu einer anderen Zeit erzählt werden muss.

Heute, als Pfarrerin in Thüringen, habe ich besonders eine Eigenschaft entwickelt: Ich sage gerade heraus, was Sache ist. Damit können meine Mitmenschen leider nicht so umgehen. Gerade von der DDR geprägte Menschen haben gelernt, Dinge zwischen den Zeilen zu sagen. Das war überlebenswichtig! Ich stoße deshalb nicht nur Menschen vor den Kopf mit meiner direkten Art, sondern ich verzweifle auch daran, dass ich nie weiß, was die Menschen brauchen oder was sie stört, weil niemand es mir direkt sagt.

In dem Dilemma frage ich mich: Wäre ich geeignet gewesen für eine Diplomatenkarriere? Wo doch Diplomaten gerade diese Kunst brauchen, Dinge anzusprechen, ohne sie auszusprechen. Ganz ehrlich: Ich bin froh weder in der Haut unserer Außenministerin noch in der von Olaf Scholz zu stecken, wenn sie zwischen Russland und der Ukraine agieren und versuchen, einen Krieg zu beenden.

Aber ist es wirklich hilfreich, Menschen nicht zu konfrontieren?

Um es mit einer beliebten Theologenantwort zu sagen: Es kommt darauf an. In der Seelsorge ist es manchmal schlau, Dinge direkt anzusprechen. Manchmal überfordert man das Gegenüber aber auch. Doch neben der Seelsorge gibt es noch viele andere Bereiche. Wenn ich z.B. in meinem Beruf nicht sage, wo meine Grenzen sind, werde ich am Ende viele Dinge tun, die mich kaputt machen. Wenn ich besorgten Bürgerinnen und Bürgern immer nur zuhöre, verstärke ich ihr Gefühl, im Recht zu sein. Wenn ich in meiner direkten Art jemanden überrumple, regt sich derjenige über mich auf. Mit den Jahren habe ich gelernt – und lerne immer noch – zu hinterfragen, wessen Problem das am Ende ist. Eigentlich nicht meines.

Korrektes Verhalten kann es nicht sein, alle ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen zu erfüllen. Korrektes Verhalten misst sich doch an unseren Werten. Meine Werte leiten sich vor allem von Jesu Verhalten ab. Jesus ist meist direkt. Aber er sieht vor allem sein Gegenüber und passt sich an. Er erzählt Gleichnisse und erklärt sie. Er spricht eine Sprache, die seine Mitmenschen verstehen können. Die Sünderin, die gesteinigt werden soll, nimmt er in Schutz, fordert sie aber heraus, als alle anderen weg sind (Johannes 8,1-11). Mit Nikodemus (Johannes 3,1-12) oder dem reichen Jüngling (Markus 10,35-45) lässt er sich auf einen gelehrten Disput ein, hinterfragt aber ihr Leben.

Das ist mein Vorbild. Denn in der Konfrontation zeigt Jesus auch, dass ihm sein Gegenüber nicht egal ist. Er nimmt jeden ernst mit allem, was er oder sie mitbringt.

Wenn ich immer nur zuhöre, aber nie reagiere, dann übergehe ich doch auch mein Gegenüber. Nehme ihre bzw. seine Ansichten nicht ernst. Und meine gleichzeitig auch nicht. Ich sage quasi: „Du bist es nicht wert, dass ich dir meine wirkliche Meinung sage!“

Ich möchte immer mehr mein Bauchgefühl dafür entwickeln, was mein Gegenüber gerade braucht. Ich möchte genau den korrekten Ton treffen. Manchmal brauche selbst ich Mut dafür. Leider bin ich nicht Jesus und kann nicht behaupten, immer zu wissen, was gut für andere ist. Manchmal hilft eine Nachfrage. Manchmal auch nicht. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, ob Jesus ein guter Diplomat gewesen wäre.

Anna (39), Pfarrerin in Südthüringen. Organisiert gerne Demonstrationen; auch mal gegen einzelne Personen wie Höcke oder Maaßen.

One thought on “Zu direkt für die Diplomatie

  1. Jesus sagte und tat immer, was er von dem Vater empfangen hatte, und es war das richtige für sein Gegenüber. Da seh ich das Problem. Das, was ich denke, das hab ich vom heiligen Geist geflüstert bekommen, kann ich vielfach nicht ungefiltert sagen. Da ist die Furcht, die Menschenfurcht. Da bin ich ein lernender.
    Und ein Feedback: Der Gedanke, dass wer sich im Gespräch zuviel zurückhält, seine Ideen und Sichtweise nicht einbringt, sein Gegenüber auch nicht schätzt, ihn oder sie auch nicht für wert hält, seine Gedanken zu empfangen.
    Das ist ein herausfordernder Gedanke.

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