Eine Nacht auf dem Wasser

Ein Bach fließt ruhig durch eine Wiesenlandschaft. In der Ferne stehen ein paar Bäume. Der Sonnenuntergang färbt den Himmel gold.

Foto: Dave Hoefler / unsplash.com

Vor ein paar Jahren bin ich mit einem alten Dreimaster die Ostküste Australiens hinaufgesegelt. Jeden Tag wieder freute ich mich auf den Moment, an dem ich abends in meinen Schlafsack gehüllt tief im Bauch des Schiffes lag, das Wasser an der hölzernen Bordwand gluckerte und mich die Wellen in den Schlaf schaukelten.

Ich will wieder einmal eine Nacht auf dem Wasser schlafen. Das geht auch in einem kleinen Boot. Also packe ich Schlafsack, Thermoskanne und Skianzug in meinen Rucksack und fahre zu einem Fluss nahe meinem Zuhause. Der ideale Ort, um mich eine Nacht lang treiben zu lassen: kaum Strömung, gesäumt von Kuhweiden und reetgedeckten Klinkerhäuschen.

Ich leihe mir ein Kanu mit Persenning, einer wasserfesten Abdeckung, und gleite aufs Wasser hinaus, vorbei an Seerosen und Schilf. Neben dem Fluss brummen Autos auf der Landstraße, drei Kühe trinken am Ufer, im Gras dösen Enten und schauen mir misstrauisch hinterher. Ich möchte so weit fahren, dass um mich herum nur noch Kühe und Enten, aber keine Autos und Häuser mehr sind.

Ein paar letzte Paddler kommen mir entgegen. „Es wird bestimmt bald regnen“, sagt eine junge Frau zu ihrem Freund. Sie hat recht. Aus der dünnen Wolkendecke fängt es irgendwann an zu tropfen. Ich suche Schutz unter den überhängenden Zweigen einer Erle, breite meine Isomatte auf dem Boden des Kanus aus und lege mich unter die Persenning. Der Regen klopft auf die Plane. Es ist trocken und überraschend warm im Bauch des Bootes. Das macht Mut für die Nacht. Aber zum Schlafen ist es noch zu früh.

Als die letzten Tropfen gefallen sind, fahre ich weiter den kleinen Fluss hinunter, während der Abend dahindämmert. Das Wasser liegt spiegelglatt vor mir. Ich erschrecke ein Blesshuhn, das gerade auftaucht. Mich erschreckt eine Bisamratte, als sie mit lautem Platschen ins Wasser springt.

Es riecht nach Seetang und Dung. Nur noch selten höre ich ein Auto in der Ferne. Als hätte jemand die Lautstärke heruntergedreht, verstummt die Natur allmählich. Wenn nicht gerade eine Ente empört quakend davonflattert, begleitet mich nur das Plätschern meiner Paddel.

Die Nacht ist angekommen. Eine Weile noch folge ich dem Glitzern des Wassers und erreiche schließlich den perfekten Ort: keine Lichter weit und breit, kein Autolärm, keine Strömung. Das soll mein Schlafplatz sein.

Ich ziehe meine Skijacke über und krabble in den Schlafsack, der eigentlich zu dünn ist für diese Nacht. Doch mit der Jacke geht es. Auf einem Abenteuer muss man sich eben zu helfen wissen.

Milchig grau ziehen die Wolken über mir hinweg. Ab und zu plätschert es irgendwo, wenn ein Fisch aufspringt. Sonst Stille. Ich lausche noch etwas, dann bin ich eingeschlafen.

Blasses Dämmerlicht und Vogelgezwitscher wecken mich. Ich höre zu, wie der Tag erwacht, freue mich, wie das Boot schaukelt, wenn ich mich ein wenig bewege.

Kurz darauf fahre ich im Sonnenaufgang durch einen Fluss aus Gold, begleitet von Zwitschern und Pfeifen, Trällern und Kreischen. Ich wünschte, ich könnte die Vogelstimmen den Sängern zuordnen. Aber ich kann nur zuhören und freue mich über das Leben, das um mich herum erwacht. Wie an jedem Tag. Doch an diesem Morgen bin ich mit dabei.

Anja ist Journalistin und findet Reisen toll – in die Ferne oder in der Nähe.

Der Artikel erschien zunächst in der Zeitschrift WALDEN 1/2015.

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