Das Autobahn-Abenteuer

Eine moderne Autobahnbrücke erhebt sich hoch über einem Feld.

Foto: Pascal Salewski / unsplash.com

Ich sitze früh morgens zwischen verschlafenen Pendlern im Zug und fahre in ein Abenteuer. Die Fahrt von Koblenz nach Hamburg würde mit dem ICE etwa fünf Stunden dauern. Schnell, bequem und langweilig. Ich habe mir etwas anderes vorgenommen: Ich steige in Bochum aus dem Zug und wandere nach Dortmund, immer entlang der A40, einer der meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands.

Es ist ein Mikroabenteuer, das gefühlt kaum Zeit kostet. Ich bewege mich ja in die Richtung, in die ich sowieso reise. Nur langsamer. Und bewusster.

Meine Reise beginnt am Bochumer Ruhrpark, wo die Autos aus der Stadt auf die Autobahn fahren. Ich folge dem Dröhnen des Verkehrs bis zu einer Brücke, unter der die Autos vorüber rauschen. Einen Moment beobachte ich den gleichmäßigen Fluss unter mir und überlege, auf welcher Seite ich der A40 nach Dortmund folgen soll.

Jede Autobahnbrücke ist ein Glücksspiel, jedes Mal entscheide ich mich wieder für eine Seite. Und jeder Entschluss kann mich in leicht begehbares Gelände führen. Oder mitten ins Unterholz.

Es nieselt. Ich entschließe mich für die südliche Seite und habe Glück. Hinter der Auffahrt führt eine einspurige Straße einige hundert Meter entfernt an der A40 entlang. Ich laufe an vereinzelten Bauernhöfen und Feldern vorbei. Vor mir erhebt sich lautlos ein Reiher.

Dann biegt die Straße zur A40 hin ab, mündet in einen Feldweg. Autos und LKW dröhnen nun wenige Meter neben mir vorbei. Bald darauf ist der Weg zu Ende, vor mir säumt ein lichter Wald die Autobahn. Und ich wage mich mitten hindurch.

Trockene Äste knacken unter meinen Füßen, ich torkele durchs Unterholz, stütze mich an Bäumen ab. Als ich kurze Zeit später auf einen Waldweg treffe, überkommt mich ein Hochgefühl: Ich habe den ersten schwierigen Abschnitt gemeistert.

Die Autobahn wird mir zum Freund. Sie führt mich genau dort hin, wo ich hin will. Mal in kaum hörbarer Ferne, mal direkt neben mir. Am Rand meines Weges wechseln sich Wald, Felder und ruhige Vororte ab.

Einmal wandere ich an einem Feld entlang. Eine Schwalbe zischt dicht über den Roggen, in der Ferne grasen Kühe. Ich bahne mir einen Weg zwischen Ähren und Brombeerranken. Auf der anderen Seite beäugt mich misstrauisch ein Bauer. Sonst scheint mich auf meiner Reise niemand zu beachten.

Das Dröhnen der Autobahn vergesse ich oft. Meine Ohren konzentrieren sich auf Vogelgezwitscher und Blätterrauschen.

Die Zeit verschwimmt. Schneller als ich dachte passiere ich die Stadtgrenze Dortmunds und wandere zwischen einer Lärmschutzmauer und Schrebergärten entlang. An einer Laube steht „Jürgen-Klopp-Boulevard“. In einem Industriegebiet verliere ich die A40 aus den Augen. Kalter Wind kommt auf und weht mir Regen ins Gesicht. Ein alter Mann mit Plastiktüte weist mir knapp und freundlich den Weg zur nächsten S-Bahnstation.

Am Hauptbahnhof entdecke ich an einem Kiosk eine Postkarte mit Tipps für das Ruhrgebiet. „A40 nur, wenne Zeit hast!“ steht darauf. Ich muss grinsen. Ich habe mir Zeit genommen. Und ich genieße die Schwere, die sich auf meinen Körper legt, als ich mich später im Zug erschöpft in den Sitz fallen lasse und einschlafe.

Anja ist Journalistin und findet Reisen toll.

Der Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift WALDEN 1/2015.

One thought on “Das Autobahn-Abenteuer

  1. Ich habe beim Lesen gleich mal Openstreetmaps aufgemacht und habe parallel mit dem Mauszeiger auf der Karte geguckt, wo du langgelaufen bist / sein könntest 😉
    Schöner Artikel!

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